GbamuGbamu

Nigeria: Afrikas größte Wirtschaft unter der Lupe

Wieso ist die Elektrifizierung ländlicher Gebiete in Nigeria so fruchtbar? In Zusammenhang mit den bettervest Projekten in den nigerianischen Dörfern GbamuGbmau und Tunga Jika möchten wir euch einen Überblick über Nigerias Lage verschaffen und erklären, welche bedeutende Rolle dezentraler Strom spielt.

 

Hintergrund

Nigeria, das bevölkerungsreichste Land Afrikas steht vor vielen Herausforderungen: die Kluft zwischen Stadt und Land wächst, der Nordosten des Landes ist von religiösen Spannungen und politischen Unruhen geprägt, und dann gibt es noch die Abhängigkeit von der Ölindustrie. Doch das Land hat auch viele Sonnenseiten. Nigeria hat das höchste Bruttoinlandsprodukt des ganzen Kontinents und ist somit die größte afrikanische Wirtschaft. Im Vergleich zur restlichen Subsahara hat Nigeria mit 6.003,9 USD ein relativ hohes pro Kopf Einkommen (gemessen in Kaufkraftstandards). Allgemein gesehen weist das Land durchaus positive Zukunftsaussichten auf.

 

Vom kulturellem Zentrum bis zur blühenden Wissenschaft

Wir haben noch etwas genauer hingeschaut und zeigen euch, dass es zum Beispiel sowohl auf kultureller als auch auf wissenschaftlicher Ebene Spannendes zu berichten gibt.

Die nigerianische Filmindustrie boomt. Das Volumen des sogenannten „Nollywood“ überholte 2009 seinen nordamerikanischen Vorläufer jenseits des Atlantiks und wurde somit als zweitgrößte Filmindustrie der Welt gekrönt. Dank des nigerianischen Einfallsreichtums und der niedrigen Produktionskosten können im Turbotempo ungefähr 2.500 Filme im Jahr produziert werden. Mit Geschichten über eine präkoloniale Vergangenheit und einer Gegenwart, die zwischen dem Dorfleben und der städtischen Moderne gefangen ist, findet Nollywood in ganz Afrika hohen Anklang.

Die Mimosa Pflanze (cc Melissa McMasters)

Auch in der Wissenschaft kann Nigeria glänzen. Eine neue Innovation wurde durch Beobachtung der Mimosa Pudica Pflanze entdeckt. Die Blätter der Pflanze öffnen sich bei Sonnenaufgang und schließen sich bei Sonnenuntergang. Professor Justus Nwaoga, von der University of Nigeria, untersuchte dieses natürliche Phänomen und erforschte die Ursache für dieses photovoltaische Verhalten um das verantwortliche Material zu isolieren. Infolgedessen wurde der chemische Bestandteil „black silicon“ entdeckt, der bereits in ersten Prototypen Einsatz findet um saubere Energie zu erzeugen.

Nigeria ist ein Land voller Unternehmer- und Erfindergeist, der vor allem in den Städten Früchte trägt. Doch es mangelt an ausreichender Infrastruktur und gezielt eingesetztem Kapital um diese Eigenschaften auch in ländlichen Gebieten zur Geltung kommen zu lassen.

 

Starkes Stadt-Land-Gefälle

Von den über 180 Millionen Einwohnern leben 52% auf dem Land. Im Gegensatz zu anderen Aufstiegswirtschaften, wächst Nigerias Landbevölkerung seit 2000 um 2,7% jährlich (McKinsey, 2014). Nigerianische Kinder aus der Stadt dürfen erschreckenderweise im Schnitt fast 5 Jahre länger die Schulbank drücken, als Kinder aus ländlichen Regionen. Daher verwundert es nicht, dass Laut UNESCO 35% der 15-25 Jährigen auf dem Land Analphabeten sind. In der Stadt sind es hingegen nur 7%.

Dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung auf dem Land lebt, ist allerdings nur dann ein Problem, wenn deren Aufstiegschancen weiterhin verringert werden durch verwehrten Zugang zu Bildung und fehlender Infrastruktur.

Mutter mit Kind in GbamuGbamu
Mutter mit Kind in GbamuGbamu

Friseur Salon in Tunga Jika
Friseur Salon in Tunga Jika

Die allgemeine Produktivität muss sich stark verbessern

Die Landwirtschaft ist mit 20,9% der größte Wirtschaftszweig Nigerias. Mehr als 85% der Anbauflächen Nigerias werden von Kleinbauern, die nicht mehr als 2 Hektar beackern, bewirtschaftet. Es fehlt die notwendige Infrastruktur um Ware frisch zu lagern und schnell, über gute Straßen und zuverlässige Zuglinien, an den Käufer zu bringen. Aufgrund der fehlenden Kühltechnik und der ineffizienten Lieferkette verderben 20-50% der Erzeugnisse auf dem Weg zum Markt.

Viele Landwirte besitzen keine Verarbeitungs-, Lager- und Vermarktungsanlagen. Deswegen wandeln Landwirte die geernteten Rohstoffe in der Regel nicht selbst in hochwertige Produkte um, sondern verkaufen diese an Zwischenhändler. Somit stehen sie am unteren Ende der Wertschöpfungskette und erfassen nur einen Bruchteil des endgültigen Wertes, während die Mittelmänner und Weiterverarbeitungsbetriebe die hohen Margen einfangen. Die Fertigungs- und Herstellungsindustrie entspricht nur 9,6% des Bruttoinlandsprodukts. Dies ist im Vergleich zu anderen Schwellenmärkten wie in Thailand, Brasilien oder Indien, eher gering.

Dieser Bereich ist also extrem ausbaubedürftig. Um kleine Werkstätten und Fabriken zu betreiben, ist eine zuverlässige Energieversorgung ein Muss. Wegen mangelnder Reichweite können Landbewohner derzeit nur sehr bedingt mit Strom aus dem öffentlichen Netz versorgt werden. In 2016 hatten nur 45% der Bevölkerung Nigerias Zugang zu Elektrizität. Eine dezentrale Stromversorgung für Dörfer ist ein Schlüsselfaktor auf dem Weg zu mehr wirtschaftlicher Autonomie und höherer Lebensqualität für die lokale Bevölkerung.

GbamuGbamu

GbamuGbamu

Der Weg vom schwarzem Gold zum grünen Strom

Die unübersehbare Ölabhängigkeit des Landes sorgt oftmals für negative Schlagzeilen. Rohöl ist mit einem Anteil von 71% das meist exportierte Gut des Landes (2015). Dennoch ist die nigerianische nicht nur eine vom Öl dominierte Wirtschaft. Neben der Landwirtschaft sind der Handel (19,2%) und der Informations- und Kommunikationssektor (11,5%) ihre größten Treiber. Mit der Verbreitung von Solarstrom könnten diese Sektoren noch stärker wachsen und ausgebaut werden. Nigeria wäre so weniger auf Ölexporte angewiesen und könnte zugleich einen großen Beitrag zum Klimaschutz und zur globalen Energiewende leisten. Genau das ist das Ziel, welches Rubitec Ltd und Nayo Tropical Technologies in GbamuGbamu und Tunga Jika mit Hilfe der Crowd erreichen möchten.

Tunga Jika, GbamuGbamu und die erneuerbare Revolution

 

Tunga Jika und GbamuGbamu

 

Tunga Jika liegt im westlichen Teil des Niger-Staates und hat mit einer Sonneneinstrahlung von 1900 – 2100 kWh/m2 in einem Jahr ein sehr hohes Sonnenpotential. Das Dorf ist ein lebendiges und verhältnismäßig wohlhabendes Zentrum mit ca. 4.000 Einwohnern, einem großen Markt der die umliegenden Dörfer versorgt und mit vielen produktiven Fertigungsstätten wie z.B. Mühlen zur Weiterverarbeitung landwirtschaftlicher Produkte. All diese und Weitere, wie lokale Schweißer und Gastronomiebetriebe sollen von der neuen Solaranlage versorgt werden.

Auch GbamuGbamu verfügt über einen verhältnismäßig großen Markt, welcher das Dorf und die umliegenden Orte mit Waren und Lebensmitteln versorgt. Das Dorf liegt im Südwesten des Landes und hat über 3.000 Einwohner. GbamuGbamu hat ein hohes Einsatzpotential durch Fräsaktivitäten, Mühlen und Maschinen, die derzeit noch von Dieselgeneratoren betrieben werden. Eine Umstellung dieser auf grünen Strom wird mit der Installation der Solarnetze erfolgen. Somit wird nicht nur das Sonnenpotential ausgeschöpft, sondern auch die Leistungsfähigkeit erweitert.

Beide Projekte sorgen dafür, dass Betriebe künftig auf teureren und schmutzigen Brennstoff verzichten können. Sie werden ihre Produktivität erhöhen, ihre Unternehmungen ausbauen und somit wettbewerbsfähiger sein. Mit dem Einsatz der Solarnetze wird sich außerdem das Leben auch für die Bewohner der beiden Dörfer enorm ändern. Handys können bequem zu Hause aufgeladen werden, der Geldbeutel wird nicht mehr vom teuren Brennstoff belastet sein, die Brandgefahr wird stark reduziert und Essensware kann in Kühlungsanlagen frisch gelagert werden. Familien können abends zusammen Nollywood Filme genießen und die Kinder können, auch wenn es dunkel wird, fleißig an ihren Hausaufgaben weiterarbeiten damit sie später auch Unternehmer, Erfinder, Lehrer oder Ärzte werden können.

Die Projekte sollen zu einer kleinen erneuerbaren Revolution beitragen. Sie sollen als Vorreiter für eine ganze Reihe weiterer Mini-Grid Solutions (kleiner Inselnetzlösungen) dienen, die zur Elektrifizierung ländlicher Gebiete in Nigeria beitragen und so in den nächsten zehn Jahren über 150.000 Menschen in über 30 Landkreisen mit Energie und Aufstiegschancen versorgen sollen.

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