right. based on science

Das Pariser Klimaabkommen auf unternehmerischer Ebene: right. based on science

Da wir vom bettervest-Team permanent in Sachen Energiewende unterwegs sind, lernen wir viele spannende Unternehmen, NGOs und Persönlichkeiten kennen, die wir euch gerne vorstellen möchten. Diesmal haben wir mit Hannah Helmke, Geschäftsführerin von right. based on science, über ihren innovativen Ansatz die Ziele des Pariser Klimaabkommen zu erreichen, gesprochen:

 

Hallo Hannah!

Bitte stelle uns right. in einem Tweet (140 Zeichen) vor.

right. ist „Butter bei die Fische“ im Bereich unternehmensbezogener Klimametriken.

 

Ihr orientiert euch an “wissenschaftsbasierten Emissionszielen”, was genau ist das?

Wissenschaftsbasierte Emissionsziele sind Emissionsziele, die einem Unternehmen genau sagen, wieviel Emissionen es bis wann reduzieren muss, um sich im Einklang mit den Forderungen des Pariser Klimaabkommen zu entwickeln. Die Ziele sind eine Form von wissenschaftsbasierten Klimametriken. Wissenschaftsbasiert bedeutet, dass diese Metriken mit Hilfe von Klimadaten des Weltklimarates und anderen Instituten erstellt werden. Solche Daten werden bei konventionellen Klimametriken nicht einbezogen.

 

Was kann ein Unternehmen von einem „Steuerberater für Emissionsdaten“ erwarten?

Souveränität. Die Emissionsdaten eines Unternehmens werden immer bedeutsamer, denn aus ihnen werden z.B. Kreditrisiken oder andere Risikobewertungen abgeleitet. Dabei kann Emissionsintensität nicht eins zu eins mit Risikohöhe gleichgesetzt werden – notwendige Datenkombinationen zur Darstellung der „Exposure to Carbon“ sind etwas komplexer. Das Team von right. erhält die Emissionsdaten eines Unternehmens, wandelt sie anhand der Kombination mit Klimadaten und anderen Unternehmensdaten in Informationen um und gibt diese zurück an das Unternehmen. Erst dann können sinnvolle Entscheidungen bezüglich klimarelevanter Opportunitäten und Risiken getroffen werden. Wichtig ist uns dabei, dass die Entscheidungshoheit beim Unternehmen liegt und wir lediglich eine solide Entscheidungsgrundlage bieten.

 

Der Slogan auf eurer Website lautet “Aufteilung des verfügbaren Budgets.” Wie teilt man ein globales Budget auf unternehmerischer Ebene auf?

Das verfügbare Budget meint das Emissionsbudget, das zur Erreichung des 2 °C-Ziels, vereinbart im Pariser Klimaabkommen von 2015, bleibt. Es gibt derzeit zwei Schlüssel, nach denen die Aufteilung vorgenommen werden kann: Entweder nach der Wirtschaftsleistung des Unternehmens. Je mehr ein Unternehmen zum BIP beiträgt, desto größer ist sein Anteil am verfügbaren Budget. Oder nach einem sektorspezifischen Aktivitätsschlüssel, der von der Internationalen Energieagentur definiert wird. Beide Ansätze haben ihre Stärken und Schwächen. Eine Schwäche beider Ansätze ist z.B., dass der streng definierte Ansatz der wissenschaftsbasierten Emissionsziele Unternehmen in ein eher unflexibles Korsett drängt. Das hält viele Unternehmen von dem Schritt ab, sich wissenschaftsbasierte Ziele zu setzen – was nicht gut ist. Daher entwickeln wir den Ansatz zu Metriken weiter, die einem Unternehmen mehr Flexibilität und Entscheidungshoheit geben.

 

Immer dann, wenn Dinge aufgeteilt werden, geht es auch um Gerechtigkeit. Spielt das Konzept der Klimagerechtigkeit (Climate Justice) eine große Rolle bei eurer Arbeit?

Ja, tut es. Einige der Methoden zur Aufteilung des Budgets sehen vor, dass die sich „wirtschaftlich entwickelnden Länder“ weniger Emissionen reduzieren müssen, als die „wirtschaftlich entwickelten Länder“. Das finden wir sinnvoll, weshalb wir diesen Aspekt in die Entwicklung unserer eigenen wissenschaftsbasierten Metriken einbeziehen. Unsere eigenen Metriken beschreiben, wie viel Grad kompatibel ein Unternehmen ist, also um wieviel Grad Celsius sich die Erde erwärmen würde, wenn alle Unternehmen so emissionsintensiv (-arm) wirtschaften würden, wie das betrachtete Unternehmen. Stakeholder können dann selbst entscheiden, ob und wie sie z.B. in das Unternehmen investieren, sich dort bewerben oder Produkte des Unternehmens kaufen.

 

Die Ziele des Pariser Klimaabkommen steht im Zentrum eurer Geschäftstätigkeit. Glaubt ihr, dass das Erreichen dieser Ziele überhaupt möglich ist?

Möglich ist das in einer Theorie, in der der Mensch rational ist. An ein Happy End glaubt unsere Geschäftsführerin allerdings nicht.

 

Das Team von right. möchte die Ziele des Pariser Klimaabkommen erreichen
Das Team von right. verfolgt einen innovativen Ansatz Unternehmen dabei zu helfen, so zu wirtschaften, dass die Ziele des Pariser Klimaabkommen erreicht werden können. Von links: Hannah Helmke (Geschäftsführung), Marcela Scarpellini (Geschäftsentwicklung) und Dr. Sebastian Müller (Gesellschafter).

 

Wenn man sich eure Website anschaut, dann wird eines klar: Ihr mögt Zitate. Der Frankfurter Theodor W. Adorno sagte mal, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt. Als eine Art Nachhaltigkeitsberatung für große Unternehmen, fragt man sich da manchmal, ob das Ganze überhaupt etwas bringt? Macht man das große Übel nicht einfach nur ein bisschen weniger schlecht?

Klassische Nachhaltigkeitsagenturen tun genau dies und wir erleben sie als ein bremsendes Element, wissenschaftsbasierten Metriken für ambitionierteren Klimaschutz zu etablieren. Dafür kritisieren wir sie stark. right. will nicht primär den Planeten retten, das macht der schon von ganz alleine – er schwitzt seine Krankheit sozusagen einfach raus, völlig kompromisslos. Was wir wollen ist Transparenz: Wenn jemand in ein Unternehmen investieren möchte, dass im gefährlichen Maße zum Klimawandel beiträgt, dann soll er das tun, solange er sich dem auch völlig bewusst ist und bereit ist, das Risiko zu tragen, das damit einhergeht. Dasselbe gilt für Mitarbeiter, Kunden oder Geschäftspartner. Wir wollen niemanden bevormunden und mit unserer Arbeit eher dazu anstoßen, dass sich die Menschen mit dem Thema Klima besser auseinandersetzen, um so ihren eigenen Umgang damit zu finden. Wie auch immer der dann aussieht. Das „richtige Leben“ bezieht sich bei right. nicht auf das Leben der anderen, sondern auf das Leben der Gründer selbst. Sie haben sich mit right. einen Alltag aufgebaut, der sie nicht zwingt, aktivistisch an Problemen zu schrauben, sondern ihnen die Freiheit gibt, an Lösungen zu arbeiten. Natürlich ist es toll, wenn die Mitarbeiter diese Einstellung teilen und dazu beitragen, right. in dieser Philosophie weiter nach vorne zu bringen.

 

Auf eurer Website schreibt ihr, dass Unternehmen nicht auf eine Gesetzeslage vorbereitet sind, welche den Übergang zu einer 2 °C-Welt und damit das Einhalten politisch abgegebener Versprechen sichert. Glaubt ihr wirklich, dass sich die Politik dazu durchringen wird, ein solches Gesetz zu verabschieden?

Unsere Antwort hierauf besteht aus zwei Teilen: Erstens kann man sagen, dass es viele Gesetze schon gibt, die ab einem bestimmten Ausmaß des Klimawandels greifen. Diese Schwelle ist je nach Anwendungsfall ganz kurz davor, erreicht zu werden. Die Zunahme an Klimaklagen zeigt dies: Hier geht es beispielsweise um Berichterstattungspflichten oder um nichts weniger als die Menschenrechte. Und zweitens ist die Politik stark reaktiv. Mit immer zahlreicheren und heftiger werdenden Wetterereignissen erhöht sich die Priorität, die die Menschen dem Klimawandel geben. Und dann kann alles ganz schnell gehen – denken wir zurück an die schnellen politischen Reaktionen auf die Angst der Deutschen nach Fukushima oder die heftige Regulation nach der letzten Bankenkrise.

 

Mit der vorigen Frage sind wir bei unserem momentanen Lieblingsthema: Die Politik. Was erhofft ihr euch in Sachen Klimapolitik von der kommenden Bundesregierung.

Wir erhoffen uns, dass das Erreichen der aktuellen Klimaziele (Emissionsreduktion um 40 % bis 2030) endlich durch solide Maßnahmen eingeleitet wird. Dazu sollte primär geklärt werden, wie mit den Risiken bezüglich der künftigen Nutzung von Kohle umgegangen werden soll. Hier würden wir uns Informationen wünschen, welche der Wirtschaft eine langfristige Perspektive zur Planungssicherheit geben können. Das Klimaziel Deutschlands ist an der Klimawissenschaft des Weltklimarates orientiert – mehr Daten und Informationen, wie z.B. präzise Informationen über sektorspezifische Anforderungen, Szenarien zur Handhabung des EU-Emissionshandels (European Union Emissions Trading System, EU ETS) und welche verbindliche Gesetze in welchen Wirtschaftssektoren zu erwarten sind, würden Unternehmen sehr helfen, ambitioniertere Schritte nach vorne zu machen.

 

Vielen Dank Hannah, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast und auch deine Einschätzung zu den Zielen des Pariser Klimaabkommen mit uns teilst! Auch wir sind gespannt, wie die Ziele des Pariser Klimaabkommens auf dem in zwei Wochen stattfindenden Klimagipfel in Bonn weiterentwickelt werden und ob er einen Beitrag dazu leisten kann, dass die Ziele auch im unternehmerischen Alltag besser angewendet werden können.

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